Gitarrengott's Weblog

Gegen Alltag und Wahnsinn gleichermaßen

Man fasst es kaum…

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…aber auch die Süddeutsche schafft es ab und an noch, einen guten Artikel zu veröffentlichen – man muss ihn dann auf der mittlerweile völlig mit Werbung zugepflasterten Seite nur noch finden…   Bosbach muss man übrigens noch mit seinem Nachsatz zitieren, damit man versteht, warum jemand wie er eine Gefahr für die Freiheit der Bürger ist: Er sagte, „Tötung simulieren, blabla [Killerspiele, Mordsimulationen, Schach] … und es ist nicht einzusehen, warum der Staat so etwas erlauben sollte.“

Tata! Der Staat muss es erlauben! Bitte nicht glauben, dass das bei Bosbach nur unsaubere Wortwahl ist – der Mann ist Überzeugungstäter. Nicht der Staat braucht gute Gründe, um erwachsenen, mündigen Bürgern einen letztlich harmlosen Freizeitspaß zu verbieten, nein, er muss es erstmal erlauben, und um das nicht zu tun, reicht eine blasse Analogie zu echtem Totschießen auch schon aus.

Nicht falsch verstehen: Ich laufe am Wochenende nicht im Tarnanzug mit einer Farbballpistole durch den Wald – soviel Freizeit hab ich gar nicht! Und man kann Gotcha gerne völlig bescheuert finden, daraus folgt aber nicht das man es verbieten müsste oder sollte. Was erwachsene Leute in ihrer Freizeit treiben geht den Staat gelinde gesagt einen feuchten Dreck an, so lange dadurch nicht schützenswerte Interessen anderer beeinträchtigt werden. Und Bosbachs Sinn für Spieleästhetik ist so bedeutsam nicht.

Letzten Endes offenbart die Denke Bosbachs aber einen politischen Konsens fast aller Parteien – dass man als Staat einen allgemeinen Erziehungsauftrag für die Bürger hat und „schädliche Neigungen“ bekämpfen darf und muss. Und während es im letzten Jahrzehnt zeitweise so aussah, als hätte sich die Politik zu einem liberaleren Staatsverständnis bekehrt, schlägt das Imperium nun mit voller Macht zurück, auch wenn es dabei in Symbolpolitik stecken bleibt. Gegen Amokläufe hilft kein Paintballverbot, gegen Kindesmissbrauch keine DNS-Sperren und gegen Komasaufen keine niedrigeren Promillegrenzen – einfache Erkenntnisse, gegen die die verantwortlichen Politiker sich mit aller Macht sträuben, weil sie sonst eingestehen müssten, das wahrscheinlich weder Amokläufe noch Missbrauch durch den Staat wirksam und dauerhaft verhindert werden kann. Gleichzeitig versagt man auf beinahe allen Gebieten, wo der Staat in der Pflicht wäre, zu handeln, und wo auch tatsächlich eine Verbesserung möglich wäre: Kinder- und Altersarmut, Bildungsungerechtigkeit und Krankenversicherung mal nur als Beispiel. Aber es ist halt einfacher, ein paar Leuten ihren ohnehin schon nur auf umzäunten Privatgeländen erlaubten Spaß zu nehmen, als sich mal ernsthaft mit dem Verband der privaten Krankenversicherungen anzulegen. Und so droht die Politik gebährdenreich weiter dem Schatten und macht ansonsten auf Hasenfuß.

Geschrieben von gitarrengott

12. Mai 2009 um 11:34

Veröffentlicht in Deutschland

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