In meiner schönen Heimat gibt es eine noch schönere Lokalzeitung. Das meine ich durchaus ernst, denn ohne das Blatt wüsste man gar nix über das Geschehen im näheren Umkreis um den Heimatort. Und eben dieses Blatt druckt seit einiger Zeit immer mehr Leserbriefe ab, wahrscheinlich um Zeilengeld zu sparen. Aber warum auch immer, viele Leserbriefe sind höchst amüsant und andere höchst unvergnüglich. Ein schönes Beispiel für die letzte Kategorie stand am letzten Montag drin. Unter der Überschrift, die auch mir hier als Überschrift dient, beklagt sich ein Pfarrer über die Nichtindizierung des Buchs „Wo bitte geht`s zu Gott, fragte das kleine Ferkel?“ aus dem Aschaffenburger Alibri-Verlag.
Eins Vorweg: Mir sind die Autoren Michael Schmidt-Salomon und Helge Nyncke leidlich bekannt, und die beiden sind keine Antisemiten. Trotzdem reproduzieren sie in ihrem Buch antisemitische Klischees, und damit bin ich ganz und gar nicht einverstanden. Darum geht es mir aber gar nicht, sondern um folgendes:
„… Unter dem Vorwand, Aufklärung zu betreiben, wird hier ein infames und zutiefst verletzendes Machwerk vorgelegt, das bewusst das Ziel hat, die gesellschaftliche Basis in unserem Land durch geistige Pornographie zu zerstören.“
Ah so. Und ich dacht immer, geistige Pornographie sei es, wenn man beim Wichsen an was schönes denkt. Gut, für Pfarrer vielleicht nicht. Aber schön, dass er genau weiß, was die gesellschaftliche Basis ist, und dass sich jede Kritik daran in Infamie endet. Ehrlosigkeit also.
„Das Buch richtet sich an Kinder und Jugendliche mit der Absicht, dass Gift des Atheismus in die jungen Herzen einzuimpfen, was eine völlige geistige Desorientierung zur Folge haben kann.“
Wow. Gift, geistige Desorientierung: Als Folge wahrscheinlich Homosexualität und Gammlertum. Oder schlimmeres. Nun ja, ist es geistig desorientiert, nicht an ein unsichtbares, gütiges, allwissend und -mächtiges Wesen zu glauben? Oder vielleicht doch eher, im Rahmen der Kommunion ein Stück vom Leib Christi zu verspeisen? Wohlgemerkt: Ein wirklich und wahrhaftig vom Leib Christi stammendes Stück. Den dazu dient die Transubstantiation: Zur Umwandlung einer trockenen Oblate und von süßem Messwein in den Leib und das Blut Christi…
„Die Pressefreiheit, die zweifellos ein hohes Gut der Demokratie ist, ist sie nicht auch den Regeln eines fairen und zivilisierten Umgangs verpflichtet?“
Öhem, nein. Ganz sicher nicht.
Die Pressefreiheit ist ohnehin beschränkt, hinsichtlich des Jugendschutzes beispielsweise, oder der Beleidigung der persönlichen Ehre. Wohlgemerkt, der persönlichen. Es wird nicht der Seelenfrieden von Vertretern der Religionsgeminschaften geschützt. Warum auch? Der Autor des Leserbriefs selbst (denn er ist ein rechter Schelm!) weiß die Antwort auf diese Frage aber auch schon, denn hätte er sonst die Sätze mit der desorientierten Pornographie des giftige Atheismus schreiben können?
„Es muss zutiefst beklagt werden, dass die Politik und die Justiz seit Jahren die Kirchen und religiösen Gemeinschaften vor schwerer Diskriminierung nicht mehr schützen und sie dem Spott und der Lächerlichkeit preisgeben.“
Nun ja, so ganz stimmt das ja schonmal nicht, denn immer noch gibt es den unsäglichen § 166 StGB, der Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen vor Beschimpfung [sic!] schützen soll. Das mit den Weltanschuungsvereinigungen steht m.E.n. nur deswegen drin, damit diese Norm überhaupt noch irgendwie mit dem Verfassungsrecht vereinbar ist. Meines Wissens nach hat noch nie eine nichtreligiöse Gruppierung davon Gebrauch gemacht. Religiöse aber schon, damit hat Schmidt-Salomon auch Erfahrungen sammeln können. Oder die Titanic. Oder der Mann, der vor kurzem zu Haft verurteilt wurde, weil er Klorollen mit dem Wort „Koran“ bestempelt hat.
Aber wie stellt sich der Herr Pfarrer denn den Schutz überhaupt vor? Bücher verbieten? Autoren einkerkern? Mund mit Seife auswaschen?
„Ich bin mir sicher, wäre ein solches Buch über die Homosexualität erschienen, dann wären sofort alle Bücher beschlagnahmt worden und eine gerichtliche Klage wegen Beleidigung und Diskriminierung einer Minderheit anstellig.“
Sicherlich! Wahrscheinlich würden die Bücher sogar verbrannt und die Autoren ins Umerziehungslager gesteckt!
Dabei gibt es überhaupt keine strafrechtliche Möglichkeit, für Homosexuelle gegen solcherlei vorzugehen. Und das wollen die scheinbar auch gar nicht, den ich kann mich nicht an eine solche Forderung von Schwulen- und Lesbenverbänden erinnern. Und es gibt hunderte Bücher, die sich kritisch oder auch gerne mal „verletzend“ mit dem Thema Homosexualität befassen. Den Katechismus zum Beispiel. Oder die Bibel, in der dem Manne, der bei einem anderen Manne liegt, die Todesstrafe angedroht wird. Im Buch Levitikus. Mir sind keine Indizierungsanträge bekannt. Komisch, gell?
So ist das halt, eine tiefsitzende Angst vor Männern, die mit Männern ficken (Frauen die es mit Frauen treiben scheinen meist nicht so schlimm, sowas kuckt Mann sich auch gerne mal im Internet an), das Gefühl, beständig verspottet zu werden, wo doch der Fall um das Buch beweist, dass es eher selten vorkommt, und Geschwafel von Demokratie und Freiheit und Rechten, aber bitteschön nur für sich selbst: Das ist auch heute noch die Kirche in Deutschland. Perfide, dass sich gerade die Kirchen in letzter Zeit zum Beschützer der Juden machen: Geradezu lächerlich, wenn man sich anschaut, wo die Judenfeindlichkeit in Europa ihre Wurzeln hat. Und deutsche Bischöfe vergleichen ja auch gerne mal das Westjordanland mit dem Warschauer Ghetto…
well, it’s not so amusing, but you should give more of them…
you’re getting better from posting to posting…
you know me?
I’m not so sure about that… but that might be the case..
TEK
22. März 2008 um 12:52